Die eTrucker App ist eine spezialisierte Navigations- und Planungslösung für Elektro-Lkw im Fernverkehr. Sie hilft Fahrern und Disponenten, geeignete Ladestationen zu finden, Ladekosten durch direkte Vereinbarungen mit Betreibern zu senken und Routen in Echtzeit an Staus, Lenkzeiten und Ladepunktausfälle anzupassen. Die App ist kostenlos für iOS und Android verfügbar – das Geschäftsmodell basiert auf einer Dispoplattform für Flottenbetreiber.
Was ist die eTrucker App – und warum wurde sie entwickelt?
Der Ausgangspunkt war ein konkretes Datenproblem: In der frühen Phase des elektrischen Güterverkehrs fehlten strukturierte Informationen darüber, welche Schnellladestationen tatsächlich für schwere Nutzfahrzeuge geeignet sind. Viele Speditionen griffen auf Apps für Pkw-Ladeinfrastruktur zurück – doch Einfahrtsbreiten, Platzverhältnisse oder die grundsätzliche Lkw-Tauglichkeit fehlten dort komplett.
Tobias Wagner, bekannt als „Elektrotrucker", legte in zwölf Monaten über 100.000 Kilometer mit verschiedenen Elektro-Lkw-Modellen quer durch Europa zurück – unter anderem mit dem Mercedes-Benz eActros 600 bei der Spedition Nanno Janssen. Aus dieser Praxiserfahrung heraus entwickelte er gemeinsam mit Michael Clarke und Matthias Brands die eTrucker App. Clarke, der zuvor den weltweiten Porsche Destination Charging-Aufbau verantwortete und davor bei Tesla das Supercharger-Netz in Europa mitaufgebaut hat, brachte tiefes Wissen über Ladeinfrastruktur in das Projekt ein.
Das Ziel: ein Werkzeug, das nicht Ladevorgänge abrechnet, sondern Informationen bündelt, validiert und für den Lkw-Alltag nutzbar macht.
Für wen ist die eTrucker App relevant?
Die App richtet sich primär an:
- Lkw-Fahrer im Fernverkehr, die täglich Ladeentscheidungen in Echtzeit treffen müssen
- Disponenten kleinerer und mittlerer Speditionen, die E-Lkw-Routen planen
- Flottenbetreiber, die ihre Ladekosten durch direkte Verträge mit Ladeinfrastrukturbetreibern (CPOs) senken wollen
Nicht geeignet ist sie als vollständige Flottenmanagementsoftware oder als Ersatz für TMS-Systeme – sie ergänzt diese.
Funktionen der eTrucker App im Überblick
Dynamische Routenplanung für den Lkw-Alltag
Im Fernverkehr veraltet jede Vorplanung schnell: Staus, defekte oder belegte Ladepunkte sowie Lenkzeitvorschriften verändern die Route laufend. Die eTrucker App reagiert auf diese Variablen in Echtzeit und berechnet auf Basis von TomTom-Routing eine Truck-spezifische Route neu – inklusive realistischer Lenkzeitberechnung.
Lkw-spezifische Filterfunktionen
Anders als Pkw-Lade-Apps stellt die eTrucker App die für Fahrer relevanten Fragen in den Vordergrund:
- Muss das Fahrzeug abgekoppelt werden?
- Ist der Standort für eine 45-Minuten-Pause geeignet?
- Eignet sich der Platz für eine 9- oder 11-stündige Ruhezeit?
- Gibt es ausreichend Einfahrtsbreite und Manövrierfläche?
Zusätzlich ist die App auf dem YellowTabPro-Fahrerdisplay installierbar und kann direkt mit TomTom, Sygic oder PTV verbunden werden.
Bilaterale Ladevereinbarungen: Warum der Preis entscheidet
Öffentliche DC-Schnellladestationen kosteten im Frühjahr 2026 zwischen 50 und 80 Cent pro kWh. Da Elektro-Lkw im Fernverkehr je Ladevorgang erhebliche Energiemengen laden, können ungünstige Tarife die Wirtschaftlichkeit gegenüber Diesel schnell gefährden. Laut Clarke liegt die kritische Grenze bei 40 Cent/kWh – darüber verliert der E-Lkw den Kostenvorteil gegenüber Diesel.
eTrucker setzt dem entgegen mit bilateralen Ladevereinbarungen (BLV): direkte Verträge zwischen Spedition und Ladestationsbetreiber, ohne Roaming-Zwischenschicht. eTrucker ist dabei nicht an der Transaktion beteiligt und verdient nicht an der Kilowattstunde. Der eTrucker Chip – kostenlos für Fahrzeuge über 12 Tonnen – bündelt alle bilateralen Vereinbarungen auf einem Authentifizierungsmedium und aktiviert beim Ladevorgang automatisch den günstigsten verfügbaren Tarif.
eTrucker App vs. klassische Ladekarte: Was ist der Unterschied?
| Merkmal | Klassische Ladekarte | eTrucker App + Chip |
|---|---|---|
| Preismodell | Roaming-Tarife mit Aufschlag | Bilateraler Direktvertrag (kein Aufschlag) |
| Lkw-Tauglichkeit der Stationen | Nicht gefiltert | Explizit bewertet |
| Routenplanung | Keine | Dynamisch, Lkw-spezifisch |
| Lenkzeit-Integration | Keine | Ja |
| Kosten für Fahrer | Ladekosten | App + Chip kostenlos |
| Dispoplattform | Keine | eTrucker Manager (Abo) |
eTrucker Manager: Die Disponenten-Lösung
Während App und Chip für Fahrer kostenlos sind, monetarisiert eTrucker das Modell über den eTrucker Manager – eine Desktop-Plattform für Disponenten. Über sie lassen sich:
- Routen entlang verfügbarer Lademöglichkeiten planen
- Ladestationsbetreiber nach Abdeckung, Standortqualität und Preisstruktur vergleichen
- Bilaterale Ladeverträge direkt initiieren und überblicken
- Flotten, Geräte und Ladekarten zentral verwalten
- Berichte und Reportings erstellen
Der eTrucker Manager wird als jährliches Abonnement angeboten – mit einer 24-Monats-Option, bei der vier Monate kostenlos enthalten sind und bei Flottenewachstum keine Nachberechnung anfällt. Testzugänge sind laut Anbieter auf Anfrage möglich.
Geplant für 2026: Digitale Ausschreibungen, bei denen Speditionen Lade-Kontingente auf festen Routen (z. B. 500.000 kWh auf Hamburg–München) ausschreiben und Ladestationsbetreiber direkte Angebote abgeben können. Das soll Preise weiter in Richtung Diesel-Parität drücken.
Verfügbarkeit und Download
Die eTrucker App ist kostenlos für iOS und Android verfügbar. Seit August 2025 deckt sie ganz Europa ab – mit Ladestationen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Spanien, Portugal, Frankreich, Belgien, Rumänien, UK und weiteren Ländern.
Die App unterstützt mehrere Sprachen, darunter Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch und Polnisch.
Einordnung: Löst eTrucker das Wirtschaftlichkeitsproblem des E-Lkw?
eTrucker adressiert zwei der zentralen Hürden beim Einsatz von Elektro-Lkw im Fernverkehr: Ladeinfrastruktur-Intransparenz und hohe öffentliche Ladekosten. Das Modell der bilateralen Ladevereinbarungen ist strukturell überzeugend – es entfernt Zwischenhändler und schafft Planungssicherheit auf beiden Seiten.
Ob es im Flottenbetrieb die erhofften Kosteneinsparungen liefert, hängt davon ab, wie schnell die Zahl der CPO-Partner wächst und ob die Infrastruktur entlang europäischer Korridore weiter ausgebaut wird. Der Start-up Award-Finalistenstatus bei der ICNC25 zeigt, dass die Branche das Modell ernst nimmt.