Unternehmen, die schwere E-Lkw seit mindestens einem Jahr im Regelbetrieb einsetzen, decken im Schnitt 82,5 Prozent ihres Energiebedarfs am eigenen Standort – öffentliche Lkw-Ladepunkte kommen auf 4,1 Prozent. Das zeigt eine Befragung von 57 Anwenderunternehmen durch das Öko-Institut (Projekt ELV-LIVE, Mai 2026).
Der Grund: Unternehmen zahlen im Depot durchschnittlich 23,77 ct/kWh (netto) – an öffentlichen Ladepunkten 49 ct/kWh, im Einzelfall bis zu 75 ct/kWh. Depotladen ist damit der Hebel, der über die Wirtschaftlichkeit einer E-Lkw-Flotte entscheidet. Dieser Guide erklärt, wie es funktioniert, was es kostet, wo der eigentliche Engpass liegt – und wie der Förderstand im Juli 2026 aussieht.
Was ist Depotladen? Definition und Abgrenzung
Depotladen (auch: Laden im Depot, Betriebshofladen, Depot Charging) bezeichnet das Laden von Nutzfahrzeugen auf dem eigenen Betriebsgelände – typischerweise über Nacht oder in definierten Zeitfenstern zwischen zwei Touren. Die Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur ordnet den Betreiber rechtlich als Letztverbraucher ein: Wer nur die eigene Flotte lädt, übernimmt keine Pflichten eines Stromversorgers.
In der Praxis unterscheidet man drei Zugangsmodelle:
| Modell | Nutzerkreis | Typischer Anwendungsfall |
|---|---|---|
| Privates Depotladen | Nur eigene Flotte | Spedition mit festen Touren, Werkverkehr |
| Halb-privates Depotladen (Shared Charging) | Namentlich bekannte Dritte: Transportpartner, Subunternehmer | Bessere Auslastung, Zusatzerlöse |
| Öffentliches Laden | Alle Nutzer, diskriminierungsfrei | Rastanlagen, Lade-Hubs, Umschlagpunkte |
Wichtig für Förderanträge: Die Bundesförderung erlaubt bei nicht-öffentlicher Ladeinfrastruktur ausdrücklich einen eingeschränkten, namentlich bestimmbaren Nutzerkreis – halb-privates Laden ist also kein Ausschlusskriterium.
Depotladen vs. öffentliches Laden im direkten Vergleich
| Kriterium | Depotladen | Öffentliches Laden |
|---|---|---|
| Strompreis (Praxiswerte 2025/26) | ⌀ 23,77 ct/kWh (13–36) | ⌀ 49 ct/kWh (40–75) |
| Anteil an der Energiemenge (Anwender) | 82,5 % | 4,1 % (Lkw-Ladepunkte) |
| Kontrolle über Verfügbarkeit | hoch | gering (keine Reservierung üblich) |
| Investition | hoch (Netzanschluss, Hardware) | keine |
| Typische Ladeleistung | 50–400 kW (CCS) | bis 1 MW (MCS im Aufbau) |
Quelle der Preis- und Anteilswerte: Öko-Institut, ELV-LIVE 2026, n = 57 Anwenderunternehmen. Die Stichprobe ist nicht repräsentativ – größere Unternehmen sind überrepräsentiert.
Warum Depotladen 2026 zur Standortfrage wird
Vier Entwicklungen erhöhen aktuell den Handlungsdruck:
1. Mautbefreiung bis Mitte 2031. Emissionsfreie Lkw sind über den 31.12.2025 hinaus von der Lkw-Maut befreit – seit dem Vierten Gesetz zur Änderung mautrechtlicher Vorschriften bis zum 30. Juni 2031. Laut Bundesumweltministerium spart ein elektrischer 40-Tonner damit rund 35 Cent pro Kilometer gegenüber einem Diesel. In der Öko-Institut-Befragung ist die Mautbefreiung der mit Abstand wichtigste Beschaffungsanreiz (81 % „wichtig“).
2. CO₂-Flottengrenzwerte. Hersteller müssen die CO₂-Emissionen neuer schwerer Nutzfahrzeuge ab 2030 um 45 %, ab 2035 um 65 % und ab 2040 um 90 % senken (Verordnung (EU) 2024/1610, Basis 2019). Der EU-Rat hat im Frühjahr 2026 lediglich die Berechnung der Emissionsgutschriften flexibilisiert – die langfristigen Ziele bleiben unverändert. Der Angebotsdruck der Hersteller in Richtung E-Lkw bleibt also bestehen.
3. Die Bundesförderung ist da – und wird knapp. Das BMV stellt über vier Jahre 1 Milliarde Euro für Lkw-Ladeinfrastruktur bereit, Schwerpunkt: nicht-öffentliche Ladeinfrastruktur in Depots (Details unten).
4. Das öffentliche Netz kommt – aber erst. Am 30. Juni 2026 hat die Autobahn GmbH die Aufträge für 124 Schnellladestandorte mit 836 Ladepunkten an unbewirtschafteten Rastanlagen vergeben, davon 447 MCS-Ladepunkte; geplant sind insgesamt 350 Standorte. Bis das Netz steht, bleibt das Depot die Basis der Energieversorgung.
Welche Ladeleistung braucht das Depot wirklich?
Die zentrale Faustregel der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur: Die erforderliche Ladeleistung ergibt sich aus Standzeit und nachzuladender Energiemenge – nicht aus dem technischen Maximum des Fahrzeugs.
Rechenbeispiel der NOW GmbH für eine Sattelzugmaschine mit 500-kWh-Batterie und 450 km Reichweite:
| Ladeszenario | Ladeleistung | Ladezeit (5 → 90 %) |
|---|---|---|
| Über Nacht im Depot | 50 kW | rund 8 Stunden |
| Zwischenladen im Tagesbetrieb | 400 kW | rund 1 Stunde |
Daraus leiten sich die drei Leistungsklassen ab: Normalladen (bis 22 kW), Schnellladen (22–150 kW) und Hochleistungsladen (ab 150 kW). Für Fahrzeuge mit langen nächtlichen Standzeiten ist die teuerste Säule selten die wirtschaftlichste.
Was die Fahrzeuge können (Herstellerangaben)
| Modell | Batterie (installiert) | Ladeschnittstelle | Ladeleistung |
|---|---|---|---|
| Mercedes-Benz eActros 600 | 621 kWh (3 × 207 kWh, LFP) | CCS2, MCS-Vorrüstung | bis 400 kW (CCS); MCS bis ca. 1 MW geplant |
| Mercedes-Benz eActros 400 | 414 kWh (2 × 207 kWh, LFP) | CCS2 | bis 400 kW; 10 → 80 % in ca. 46 min |
Das Megawattladen des eActros 600 befindet sich in der Erprobung: Im Januar 2026 schickte der Hersteller zwei Testfahrzeuge auf eine 2.400-km-Strecke, um Kompatibilität und Ladekurven mit MCS-Säulen verschiedener Hersteller zu prüfen. Es handelt sich also nicht um einen Serienstandard im Regelbetrieb.
CCS oder MCS im Depot?
Der MCS-Steckerstandard wurde im Februar 2026 als IEC TS 63379 veröffentlicht; Teile der Kommunikationsstandards sind noch in Arbeit. Für das Depot bleibt das nachrangig: MCS zielt auf das Zwischenladen in der 45-Minuten-Lenkpause entlang der Autobahn. Im Depot mit mehrstündigen Standzeiten reicht CCS in aller Regel aus – die Bundesförderung lässt beide Standards zu, verlangt aber mindestens 50 kW DC je Ladepunkt.
Netzanschluss: der eigentliche Engpass beim Laden im Depot
Nicht die Ladesäule entscheidet über den Projekterfolg, sondern der Netzanschluss. Die dena beschreibt das Grundproblem: Kleinere und mittlere Logistikunternehmen verfügen häufig nur über einen Niederspannungsanschluss mit 30 bis 200 kVA – ausreichend für Büro und Halle, nicht für schwere Nutzfahrzeuge. Schon wenige E-Lkw können den Wechsel in die Mittelspannungsebene erforderlich machen.
Zum Vergleich: Die Depotstandorte der befragten E-Lkw-Pioniere hatten im Schnitt 1.115 kW Netzanschlussleistung bei durchschnittlich 629 kW installierter Ladeleistung (Öko-Institut 2026).
Entsprechend liegen die größten Hürden beim Ausbau der Depot-Ladeinfrastruktur (Anteil „sehr relevant“, Öko-Institut 2026):
| Herausforderung | „sehr relevant“ |
|---|---|
| Hohe Kosten | 60 % |
| Bürokratischer Aufwand der Netzanschlusserweiterung | 44 % |
| Dauer der Netzanschlusserweiterung | 33 % |
| Zu geringe verfügbare Netzanschlussleistung | 32 % |
Vier Hebel, bevor der Trafo kommt
- Bestehende Anschlussleistung ausreizen. Der vorhandene Anschluss ist auf vielen Betriebshöfen nachts kaum ausgelastet. Eine Lastgang-Analyse legt freie Reserven offen (NOW GmbH).
- Lastmanagement einsetzen. Ein Last- und Lademanagementsystem verteilt die Leistung dynamisch, priorisiert Fahrzeuge nach Abfahrtszeit und kappt Lastspitzen – das senkt die benötigte Anschlussleistung und damit die Kosten.
- PV und Batteriespeicher integrieren. Beide reduzieren Strombezug und Leistungsspitzen. Rund zwei Drittel der befragten Pionierunternehmen erzeugen bereits einen Teil ihres Ladestroms selbst – ein wesentlicher Grund für die niedrigen Depot-Strompreise.
- Nicht überdimensionieren. Der Baukostenzuschuss richtet sich nach der vertraglich vereinbarten Leistung: Ein zu groß bestellter Anschluss verteuert das Projekt dauerhaft (NOW-Leitfaden „Einfach laden am Depot“).
Reicht die Leistung nicht, sind vier Schritte nötig: Netzbetreiber ansprechen → technisch klären → Kosten abstimmen → planen, genehmigen, umsetzen. Die Erhöhung der Anschlussleistung kann mehrere Monate dauern (NOW GmbH). Wer erst mit der Fahrzeugbestellung anfängt, verliert eine Saison.
Was kostet Depotladen – und was rechnet sich?
Betriebskosten: die 25-Cent-Frage
Der Kostenvorteil des Depots gegenüber öffentlichem Laden liegt bei den befragten Anwendern bei rund 25 ct/kWh (23,77 vs. 49 ct/kWh). Was das bedeutet, zeigt eine überschlägige Rechnung (eigene Berechnung, Annahmen: 105 kWh/100 km Verbrauch – in Herstellertests von eActros 600 und MAN eTGX wurden 105–106 kWh/100 km gemessen; 80.000 km Jahresfahrleistung):
- Jahresenergiebedarf: ca. 84.000 kWh
- Kostendifferenz Depot vs. öffentlich: ca. 21.000 Euro pro Fahrzeug und Jahr
Zum Einordnen: Die Zahlungsbereitschaft der Branche liegt laut Marktbefragung von dena und DSLV (Dezember 2025, 82 Unternehmen, explorativ – nicht repräsentativ) bei 27–28 ct/kWh im Depot und 35 ct/kWh an öffentlichen Ladepunkten. Die Praxiswerte der Pioniere liegen also innerhalb dessen, was die Branche als wirtschaftlich akzeptiert – die öffentlichen Preise deutlich darüber.
Investitionskosten: die Größenordnung
Belastbare Durchschnittspreise für Lkw-Ladehardware gibt es öffentlich nicht; die Spanne hängt stark von Standort, Tiefbau und Netzsituation ab. Einen brauchbaren Anker liefert die Förderlogik des Bundes: Der Zuschuss beträgt pauschal 500 Euro netto pro kW installierter Ladeleistung. Für ein Depot mit 629 kW (dem Durchschnitt der befragten Pioniere) entspräche das rechnerisch rund 314.000 Euro Zuschuss.
Förderfähig sind Ladepunkte, Netzanschluss, Lade-/Last-/Energiemanagement und Batteriespeicher. Nicht förderfähig sind Planung, Genehmigung, Miete, Leasing und Betriebskosten.
Förderung 2026: Wo das Programm gerade steht
Das Bundesministerium für Verkehr (BMV) hat am 15. Mai 2026 die „Förderrichtlinie Ladeinfrastruktur für e-Lkw“ in Kraft gesetzt: 1 Milliarde Euro über vier Jahre, 200 Millionen Euro in der ersten Runde, abgewickelt vom Projektträger Jülich. Ziel ist unter anderem, 20 Prozent des für 2030 prognostizierten Ladebedarfs in Depots und auf Betriebshöfen abzudecken.
| Aufruf | Zielgruppe | Mindestleistung | Förderhöhe | Status (11.07.2026) |
|---|---|---|---|---|
| A | Nur KMU, nicht-öffentlich | 50 kW DC je Ladepunkt | 500 €/kW; max. 300.000 € (De-minimis) bzw. 1 Mio. € (AGVO) | Geschlossen – Mittel bereits am 05.06.2026, 16:23 Uhr ausgeschöpft |
| B | Alle Unternehmen, nicht-öffentlich | 50 kW DC je Ladepunkt | bis 500 €/kW; max. 5 Mio. € je Antrag | Antragsfrist am 07.07.2026 abgelaufen |
| C | Öffentlich zugängliche Ladeinfrastruktur | 100 kW je Ladepunkt, 1.500 kW je Standort | bis 500 €/kW; max. 5 Mio. € je Antrag | Antragsfrist am 07.07.2026 abgelaufen |
Der KMU-Aufruf war am ersten Antragstag nach wenigen Stunden überzeichnet – der Projektträger Jülich schloss ihn noch am 5. Juni 2026 wieder. Laut PtJ sind für das kommende Jahr weitere Förderaufrufe geplant.
Was das operativ bedeutet: Wer beim nächsten Aufruf zum Zug kommen will, muss vorher fertig sein. Voraussetzung für einen Antrag ist unter anderem ein bereits gestelltes Netzanschlussbegehren beim Netzbetreiber (oder die Zusicherung, dass der vorhandene Anschluss ausreicht) sowie ein Nachweis, dass der Ladestrom durchgehend aus erneuerbaren Energien stammt. Außerdem gilt: kein Vorhabenbeginn vor Bewilligung, und eine Kumulierung mit Landesförderungen ist grundsätzlich ausgeschlossen. Da die Förderhöhe an die Ladeleistung gekoppelt ist, sollten Fördermittel nicht die Dimensionierung bestimmen – ein überdimensionierter Anschluss erhöht den Baukostenzuschuss dauerhaft.
Die Konditionen können sich mit jedem neuen Aufruf ändern. Verbindlich ist immer der jeweils aktuelle Förderaufruf des Projektträgers Jülich.
Für welche Einsatzprofile eignet sich Depotladen?
Klares Ja – Depotladen deckt den Bedarf vollständig:
- Nah- und Regionalverkehr mit Rückkehr zum Standort (die befragten Anwenderunternehmen bedienen zu 70 % den Nah- und zu 79 % den Regionalverkehr)
- Werkverkehr, Entsorgung, Baustellenlogistik mit festen Umläufen
- Zwei-Schicht-Betrieb mit planbaren Standfenstern (dann mit höherer Ladeleistung)
Ja, mit Ergänzung – Depot als Basis, öffentliches Laden als Puffer:
- Nationaler Fernverkehr: Neu beschaffte schwere E-Lkw der Pionierunternehmen fahren im Mittel 432 km pro Tag – das ist mit Depotladung plus gelegentlichem Zwischenladen darstellbar.
Kritisch – Depotladen allein reicht nicht:
- Internationaler Fernverkehr ohne Rückkehr ins Heimatdepot
- Gemietete Betriebshöfe ohne Zustimmung des Vermieters zu baulichen Änderungen
- Standorte, an denen die Netzanschlusserweiterung absehbar mehrere Jahre dauert
In fünf Schritten zur Depot-Ladeinfrastruktur
Die Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur empfiehlt folgende Reihenfolge:
- Ladebedarf ermitteln – Fahrleistung, Energiebedarf, Standzeiten und Einsatzprioritäten je Fahrzeug.
- Netzanschluss frühzeitig prüfen – Lastprofil der Bestandsanlagen erheben, freie Reserven identifizieren, erst dann über eine Erweiterung entscheiden.
- Ladeinfrastruktur alltagstauglich planen – Stellplätze entlang der Fahrwege, Kabeltrassen, Brandschutz, Genehmigungen, Vermieter- und Versicherungsfragen; Erweiterung mitdenken.
- Bauliche Umsetzung strukturieren – Zeit- und Budgetplan, frühzeitige Bestellung (Lieferzeiten für Trafos und Ladehardware sind lang), Bauphasen in Randzeiten legen.
- Betrieb professionalisieren – Zuständigkeiten, Wartung, Monitoring, Schulung; Software für Lade- und Lastmanagement sowie Abrechnung. Optional: Shared Charging zur besseren Auslastung – dann sind Mess- und Eichrecht, Datenschutz und Versicherung zu beachten.
Fazit: Das Depot ist die Entscheidung, nicht die Ladesäule
Depotladen ist kein Infrastrukturdetail, sondern die Grundlage, auf der die Wirtschaftlichkeit einer E-Lkw-Flotte steht: 82,5 Prozent der Energie, rund die Hälfte der Kosten pro Kilowattstunde und die volle Kontrolle über Verfügbarkeit. Der Engpass liegt dabei fast nie bei der Ladesäule, sondern beim Netzanschluss – und der braucht Vorlauf.
Die nächsten Schritte:
- Lastgang des Standorts auswerten und freie Anschlussreserven identifizieren.
- Netzanschlussbegehren beim Netzbetreiber stellen – auch wenn die Fahrzeugentscheidung noch offen ist.
- Lade- und Energiekonzept skalierbar auslegen (Lastmanagement, PV, Speicher).
- Den nächsten Förderaufruf des Projektträgers Jülich vorbereitet abwarten – der KMU-Topf war 2026 nach Stunden leer.