Daimler-Truck-Chefin Karin Rådström rechnet mit einer baldigen Offensive chinesischer Elektro-Lkw auf dem europäischen Markt. Schwere E-Lkw chinesischer Marken sind auf europäischen Straßen bislang kaum zu sehen – doch das dürfte sich nach Einschätzung der Managerin schon bald ändern. Für europäische Hersteller gelte deshalb: Vorbereitung ist keine Option, sondern eine Pflicht.
China verfügt bereits über einen großen und technologisch weit entwickelten Markt für elektrische Nutzfahrzeuge. Dort konkurrieren zahlreiche etablierte Konzerne und junge Unternehmen miteinander. Rådström erwartet zwar zunächst eine Marktkonsolidierung in China, betont aber, dass Daimler Truck und andere europäische Anbieter langfristig mit zusätzlichen Wettbewerbern rechnen müssen. Ihre Formel: konsequent innovativ bleiben und gleichzeitig die Kosten optimieren.
Fraunhofer ISI: Chinesische E-Lkw-Hersteller expandieren dreimal schneller
Wie ernst die Lage ist, zeigt eine Analyse des Fraunhofer ISI. Demnach könnten chinesische Nutzfahrzeughersteller ihren Markteintritt in Europa bis zu dreimal schneller vorantreiben als bei früheren Expansionswellen. Unternehmen wie Sany, Foton, FAW und SuperPanther bauen bereits Partnerschaften, Produktionskapazitäten sowie Vertriebs- und Servicenetze in Europa auf.
SuperPanther etwa plant, seine speziell für den europäischen Markt entwickelten elektrischen Lkw gemeinsam mit Steyr Automotive in Österreich zu fertigen. Das Modell kombiniert chinesische Batterie- und Antriebstechnik mit europäischer Produktionserfahrung. Für den schweren Fernverkehr sollen Akkus mit mehr als 600 kWh Kapazität und 900-Volt-Technik eingesetzt werden – mit einer Ladezeit von rund 35 Minuten von 20 auf 80 Prozent, wie das Unternehmen mitteilt.
Busmarkt als Warnsignal – und als Gegenbeweis
Dass chinesische Anbieter grundsätzlich in der Lage sind, europäische Marktanteile zu gewinnen, belegt das Busgeschäft. Dort sind chinesische Hersteller seit mehr als zehn Jahren aktiv. Den Markt übernommen haben sie allerdings nicht – ein Punkt, den Rådström ausdrücklich hervorhebt. Daimler Truck könne auch mit chinesischer Konkurrenz erfolgreich bestehen, sofern man innovativ und kostenbewusst bleibe.
Das schließt freilich nicht aus, dass der Wettbewerb zunimmt. Bisherige Ankündigungen überwiegen zwar noch gegenüber tatsächlich eingesetzten Fahrzeugen im europäischen Kundenbetrieb. Doch die Dynamik könnte sich – anders als bei Elektroautos – deutlich schneller beschleunigen.
Schwieriges Timing für deutsche Lkw-Hersteller
Der Zeitpunkt ist für die deutschen Truckhersteller besonders herausfordernd. Während China elektrische Lkw bereits in hohen Stückzahlen produziert, lag der Anteil schwerer E-Lkw bei Neuzulassungen in Europa 2025 bei lediglich zwei Prozent. Gleichzeitig steht Daimler Truck unter erheblichem wirtschaftlichem Druck und verfolgt ein umfangreiches Kostensenkungsprogramm.
Die erwartete China-Offensive stellt damit keine akute Gefahr einer Marktübernahme dar – wohl aber ein deutliches strategisches Signal. In den kommenden Jahren wird sich entscheiden, ob europäische Hersteller ihren technologischen und wirtschaftlichen Vorsprung beim Elektro-Lkw verteidigen können oder ob sich – ähnlich wie im Pkw-Segment – schrittweise Marktanteile nach Osten verschieben.